Grünkohl in Paris – Wie man aus einer Brezel ein Baguette macht

Gruenkohl Cabanossi

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Kürzlich schickte mir mein Schwiegervater einen Artikel aus der FAZ. Die Autorin setzt sich mit der Frage auseinander, wie man sich als Deutsche im Ausland fühlt. Der Text dreht sich um Integration, deutsche Identität und wie diese sich während Ihrer Zeit in London verändert bzw. verstärkt hat. Titel: Warum wir uns als Familie im Ausland fremd fühlten. (Der Artikel ist leider hinter einer Bezahlschranke und nur für Abonnenten erreichbar, der Ordnung halber aber natürlich verlinkt )

Es geht unter anderem darum, dass sie nun ein wesentlich besseres Verständnis für die Situation der Geflüchteten bzw. Migranten in Deutschland aufbringen kann, was ja an sich eine gute Sache ist.

Was bei mir allerdings hängen blieb ist vielmehr, dass sie sich selbst nach 10 Jahren in London nicht in die englische Gesellschaft integriert fühlte. Ihr Freundeskreis bestand hauptsächlich aus anderen Deutschen (oder Ausländern) und es wurde allem Heimischen eine wesentlich höhere Wertigkeit zugesprochen, als sie das in Deutschland selbst getan hatte (deutsches Brot, Musik usw.).

Einen der Hauptgründe hierfür sieht sie in der Sprache, die für Nicht-Muttersprachler auch nach einer nicht unerheblichen Zeit immer noch die ein oder andere Unwegsamkeit bereithält. Sie fühlte sich sicherer und verstandener, wenn sie sich in der deutschen Community bewegte.

Sie hatte – laut eigenen Angaben – KEINE englischen Freunde.

Das ist der Teil, der mich stolpern ließ, als ich den Text las. 

Für mich ist Integration in die gewählte Gesellschaft – und das schließt Freundschaften mit Einheimischen ein – essentieller Bestandteil des Sich-Wohlfühlens und Ankommens. Integriert man sich nicht, bleibt man stets Außenseiter und der Aufenthalt – selbst wenn er unbefristet ist – bleibt gefühlsmäßig “vorübergehend”. Man kommt nicht an und kann niemals Wurzeln schlagen.

Aber was braucht es, um sich erfolgreich in eine fremde Kultur integrieren zu können? Ich denke, die Autorin hat Recht, wenn sie die Sprache als wichtigen Faktor identifiziert. Dazu kommen aber auch die Bereitschaft, die neue Kultur in all ihrer Tiefe kennen zu lernen und  eine bewusste Entscheidung, sich überhaupt integrieren zu wollen.

Sprachbarrieren

Sprache ist der Schlüssel, und zwar der wichtigste. Dabei ist es allerdings nicht zwingend notwendig auf muttersprachlichem Niveau zu kommunizieren. Ein grundsätzliches Verständnis und die Fähigkeit, das auszudrücken, was man möchte (wenn auch weniger elaboriert als in seiner Muttersprache) reichen erstmal aus um darauf aufzubauen.

Denn Sprache erlaubt es uns, mit anderen Menschen in Beziehung zu treten.

Ich lebe jetzt seit fast vier Jahren in Frankreich und kann Euch sagen, für mich ist Französisch keine einfache Sprache. Ich möchte behaupten, dass meine Ausgangsposition hier wesentlich schwieriger gewesen ist, als diejenige der Autorin des FAZ Artikels in London. Die Fähigkeit, Brot zu kaufen, bringt einem leider erstmal keine Freundschaften ein…

Am Anfang saß ich bei Treffen mit Freunden meist stumm daneben, angestrengt damit beschäftigt, den Unterhaltungen zu folgen. Das ist mit sprachlichen Grundkenntnissen leider gar nicht so einfach, da sich das gesprochene Französisch erheblich von dem in deutschen Schulen gelernten unterscheidet. Es wimmelt von Abkürzungen und umgangssprachlichen Begriffen. Durch das schnelle Sprechen und Zusammenziehen von Wörtern ist es für Anfänger kaum möglich, einzelne Begriffe auseinander zu halten. An das Aufbauen von wirklichen Freundschaften war also zu Beginn für mich nicht zu denken. Wie will man denn wirklich befreundet sein, wenn man sich gerade mal über Grundsätzliches wie das Wetter austauschen kann?

Ich verzichtete bewusst darauf, auf Englisch umzusteigen. Zum einen um den Status als Außenstehende nicht zu verfestigen und zum anderen um zu lernen. Das war vor allem: anstrengend. Es braucht Übung, Durchhaltevermögen und Geduld. Gerade an letzterer fehlt es mir persönlichIch leider eher. Ich bin nach wie vor weit davon entfernt, perfekt zu sprechen, aber ich habe mittlerweile ein Niveau erreicht, das man als fließend bezeichnen könnte. 

Mir hilft es übrigens, mir Vorbilder zu suchen. In diesem Zusammenhang hat mich eine Arte-Dokumentation von 2017 besonders beeindruckt : „Ein Abend mit Romy Schneider“

Alice Schwarzer (eine deutsche Journalistin, Publizistin und Feministin) kommentiert ein Interview, das sie im Jahr 1976 mit Romy Schneider in Köln führte. Ein Großteil der Erzähl-Sequenzen wird von Alice Schwarzer mühelos auf Französisch absolviert. Auch im Interview selbst gibt es Gesprächsteile, die von beiden (deutschen) Frauen auf Französisch geführt werden. Obwohl beide mit hörbarem Akzent sprechen strahlt das Ganze eine enorme Leichtigkeit und Natürlichkeit aus (inhaltlich ist es eher schwere Kost…).

Meinen Akzent werde auch ich wahrscheinlich nie ganz los werden, aber diese Beiden sind zu meinen (sprachlichen) Vorbildern geworden.

Und so hangele mich von Meilenstein zu Meilenstein und irgendwann komme ich an…

Sozialisation

Die zweite Säule der Integration ist die Sozialisation. Da wird es schon schwieriger, denn natürlich sind wir anders sozialisiert als unsere französischen Nachbarn. Wer im selben Land groß wird, ist mit den gleichen „typischen“ Überzeugungen und Gepflogenheiten aufgewachsen – normalerweise ohne sich dessen bewußt zu sein. Erziehung, die gleichen Bücher, Fernsehsendungen oder das Schulsystem – alles verbindet uns.

Wenn wir in ein anderes Land kommen – egal ob als Besucher oder permanent – sehen wir auf den ersten Blick viele Dinge, die sich unterscheiden. Die Sprache, das Essen, die Architektur und auch verschiedene Verhaltensweisen. Was wir nicht sehen, ist der Grund für diese Unterschiede. Mit dem sogenannten Eisbergmodell werden diese sichtbar.

Das Eisbergmodell wurde ursprünglich in einem psychologischen Kontext kreiert, kann aber auch für die Erklärung anderer Sachverhalte dienen. Hier wird es in einem interkulturellen Zusammenhang genutzt. Mehr zum Eisbergmodell und dessen Enstehung gibt es hier: wikipedia.org/wiki/Eisbergmodell

Erstellt von Saskia Nuschke, Photo by Alexander Hafemann on Unsplash

Es wird schnell klar, dass die Gegensätze tiefer liegen. Gleichzeitig wird deutlich, woher viele Missverständnisse kommen, die im Umgang mit Personen einer fremden Kultur entstehen können. Vieles kommt uns unnatürlich oder unverständlich vor. Unsere erlernten alltäglichen Bewältigungsstrategien funktionieren nicht mehr richtig. Um diese Differenzen zu überwinden, muss man sich den Ursprung der Unterschiede bewusst machen.

Alles was bisher automatisch abgelaufen ist, erfordert jetzt Nachdenken und Umdenken. 

Das ist anstrengend, denn all das muss wie eine neue Sprache erlernt werden. Auch wenn neue Verhaltensweisen niemals so in Fleisch und Blut übergehen, wie die eigenen, wird es mit der Zeit leichter. Wie beim Fahrrad- oder Autofahren denkt man irgendwann nicht mehr darüber nach, sondern passt sein Verhalten und Denken automatisch an. 

Ich habe mich auf meiner persönlichen Erlebnisebene viel mit diesen Phänomenen beschäftigt und finde, die Mischung, der beiden Kulturen kann ein Vorteil sein. Ich lerne Neues, mache mir meine Eigenheiten bewusst – das schadet im Zweifel nie – und kann mir so das Beste aus beiden Gesellschaftsmodellen herauspicken – the best of both worlds.

Schlussendlich denke ich, Integration in eine uns fremde Gesellschaft ist immer auch eine bewusste Entscheidung. Man muss es wollen. Und es ist Arbeit. Darüber hinaus muss man wahrscheinlich auch bereit sein, seine aus der Heimat mitgebrachten Automatismen ein Stück weit loszulassen und in die neue Welt einzutauchen. 

Kulturschock

Bei allem vorher gesagten, darf man nicht vergessen, dass Ankommen und Integration in den meisten Fällen in Wellen verläuft. Die Gemütsverfassung ändert sich im Laufe der Zeit und fast alle Auswanderer haben irgendwann eine Stressphase, in der sie sich besonders unwohl fühlen in der neuen Umgebung. Herzlich willkommen, Kulturschock! (Und er trifft meist selbst die, die sich akribisch vorbereitet haben. Häufig ohne dass die Betroffenen ihn als solchen erkennen.)

Die Phasen stellen sich im Allgemeinen so dar: Kurz nach dem Umzug gibt es eine Hochphase. Alles ist neu, ungewohnt und spannend. Das ist die Honeymoon-Phase. Häufig folgt darauf ein Tief, die Stressphase. Es ist anstrengend, der Geist passt sich an und ist müde. Irgendwann kehrt Alltag ein und mit ihm kann die wirkliche Integration beginnen.

Häufige Symptome eines Kulturschocks können sein: 

  • Heimweh
  • Frust
  • Erschöpfung, Müdigkeit, erhöhtes Schlafbedürfnis
  • Körperliche Stresssymptome
  • Ungewöhnliches Essverhalten
  • Überempfindlichkeit, Wut und Ärger über Kleinigkeiten
  • Gefühl der Überforderung
  • Abneigung gegenüber den Menschen und ihrem Verhalten im Gastland

Davon sollte man sich nicht einschüchtern lassen. Es hilft meistens schon, wenn man diese Phase als Kulturschock erkennt (was zugegebenermaßen nicht unbedingt einfach ist). Folgt man diesem Modell folgt auf das Tief die stufenweise Anpassung. Die Kurve geht also wieder nach oben. 

Allen Neuankömmlingen sei gesagt, es wird (höchstwahrscheinlich) besser!

Und nun zum Grünkohl!

Selbstverständlich fehlt uns hin und wieder eine liebgewonnene Tradition oder, wie in meinem Fall, ein bestimmtes Gericht, das es in der Französischen Küche nicht gibt. Wir haben ja nicht all unsere Vorlieben und Gewohnheiten an der Grenze abgegeben. Gegen aufkommendes Heimweh kann es helfen, sich Zeit zu nehmen und etwas Vertrautes zu machen oder, wie in meinem Fall, zu kochen. 

Ich liebe Grünkohl – ein ur-deutsches Winter-Gericht, dass besonders im Norden und Westen Deutschlands beliebt ist. In meiner Familie machen wir es mit Cabanossi statt mit Pinkel oder Mettwurst (Ich freue mich schon auf den Shitstorm…;-).

In Deutschland kann man Grünkohl in den meisten Supermärkten vorgegart in der Tiefkühlabteilung finden – ähnlich wie Spinat. Das macht die Zubereitung einfach und schnell. Es gibt sogar welchen für die Mikrowelle…

Hier gibt es das nicht. Ich koche alles von Grund auf selbst. Das bedeutet: Grünkohl finden – den gibt es nicht zwingend bei allen Gemüsehändlern – dann putzen, blanchieren und kochen. (Außerdem musste ich eine adäquate Wursteinlage finden.) Das Vorbereiten dauert alles in allem ca. 4 Stunden! Niemals in meinem (deutschen) Leben hätte ich gedacht, dass ich mir so einen Stress machen würde für ein bisschen Grünkohl!

Ich musste nach Frankreich kommen (das Land, dessen Küche UNESCO Welterbe ist!!), um Grünkohl zu kochen wie meine Oma… Diesen Winter gab es ihn bereits 3 Mal.

Wer jetzt Heimweh oder Appetit auf deutsche Spezialitäten hat: Grünkohl im Glas, Quark und vieles mehr gibt es im 10.Arr. im Tante Emma Laden, der eine große Auswahl hat und sehr zu empfehlen ist.

Oh, und nicht zu vergessen, hier das Rezept: Grünkohl kochen

Was ich eigentlich sagen wollte

Wenn man in ein fremdes Land zieht, sollte man sich darüber bewusst sein, dass es kulturelle Unterschiede gibt, dass Sprachbarrieren bestehen und dass es sich grundsätzlich von einer Urlaubsreise unterscheidet. Man muss zulassen, dass sich bestimmte Gewohnheiten ändern (das war allerdings auch nicht anders, als ich von Frankfurt nach München gezogen bin, teilweise bis hin zur Sprache…). Und wenn man wirklich ankommen will, muss man diese Veränderungen umarmen. Das heißt nicht, dass man alles gut finden muss. Man sollte sich einlassen auf das neue Land. Und natürlich darf man alles mit allem kombinieren. (Wir laden vor Weihnachten gerne zu einem typisch deutschen Adventsnachmittag mit Plätzchen und Kaffee ein. Der entwickelt sich dann aber meist recht schnell zu einem französischen Apéro…)

Ich glaube nicht, dass, wie es im oben erwähnten FAZ Artikel anklingt, die Annahme neuer Gewohnheiten und Umgangsformen die alten verdrängen. Ich bin viel eher der Ansicht, dass neue Rituale das Leben bereichern und den Horizont erweitern. Die eigene Sozialisation verschwindet nicht einfach, sondern integriert sich in den neuen Alltag. Wir teilen unsere Gewohnheiten mit Freunden. Alles vermischt sich. Das gibt mir nicht das Gefühl, ein Fremdkörper zu sein, sondern sorgt vielmehr dafür, dass ich mich eher als Teil dieser Gesellschaft fühle. 

Zitat: „Ohne die nötige Akzeptanz dem neuen Land gegenüber, wird eine Anpassung in der neuen Heimat kaum möglich sein!“

https://www.spotahome.com/de/blog/leben-im-ausland-kulturschock/

Zwei meiner (Integrations-) Highlights des Jahres 2020 waren übrigens die Einschulung meines Sohnes in die französische Maternelle und das erste Mal, dass ich in Frankreich wählen durfte – wenn auch nur in den Kommunalwahlen.

Selbstverständlich ist jeder Mensch anders. Daher schreibt mir doch, wie es bei Euch ist oder war bzw. was Ihr zum Thema  denkt. 

2 Kommentare zu „Grünkohl in Paris – Wie man aus einer Brezel ein Baguette macht

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